1.2. Anthropozän
Shownotes
In der zweiten Episode geht es um den Einfluss des Menschen auf die Umwelt. Ist dieser Einfluss schon so groß, dass wir ein neues Erdzeitalter ausgelöst haben? Und falls ja, wie stellt man das fest? Und welche Auswirkungen hat das – zum Beispiel im Fall von Ewigkeitschemikalien?
Dazu haben Francesca Grandolfo und Thomas Zauner mit Michael Wagreich und Thilo Hofmann von der Universität Wien und Barbara Horejs von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gesprochen.
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Dieser Podcast ist im Auftrag des Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF entstanden.
Redaktion und Produktion in redaktioneller Unabhängigkeit: Francesca Grandolfo und Thomas Zauner
Redaktionelle und technische Unterstützung: sisigrant
Musik: Kaspar Arens
Visuelle Gestaltung: HammerAlbrecht
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00:00:02: Während der Untersuchungen ist aber ganz klar herausgetreten, dass nach dem Zweiten Weltkrieg der Mensch wirklich dominierend wird, global gesehen.
00:00:14: Du wirst auch kein menschliches Lebewesen auf diesem Planeten finden, wo du eine Blut- oder Urinabnahme machst,
00:00:21: die
00:00:21: nicht irgendeinen Plastik additiv findet.
00:00:25: Geht nicht.
00:00:47: Willkommen bei Was Wir Wissen, ein Wissenschaftspodcast, bei dem wir den großen und kleinen Fragen aus den unterschiedlichsten Forschungsgebieten nachgehen.
00:00:54: Von der Evolutionsbiologie über Sprachwissenschaften bis hin zu Neurowissenschaften.
00:00:59: Wir zeigen euch superspannende Forschungsprojekte in Österreich.
00:01:02: Wir sind Thomas Zahnar
00:01:04: und Francesca Grandolfo.
00:01:05: Das ist die zweite Folge unserer Staffel, Was Wir Wissen über das Menschsein.
00:01:09: Wir wollen wissen, was unterscheidet uns Menschen von Tieren, wie funktioniert unsere Sprache, Und wie sind wir zu so komplexen Lebewesen geworden?
00:01:17: In der ersten Folge haben wir uns angeschaut, wie der Mensch entstanden ist.
00:01:22: Heute geht es darum, wie wir Menschen unsere Umwelt prägen.
00:01:25: Unser Einfluss auf die Umwelt ist größer als jemals zuvor.
00:01:28: Deshalb meinen viele Wissenschaftlerinnen, dass ein neues Erdzeitalter angebrochen ist.
00:01:32: Das Anthropozän.
00:01:34: Das Anthropozän ist aber noch ein umstrittenes Konzept.
00:01:37: Erdzeitalter kommen aus den Geowissenschaften und werden anhand von Veränderungen in den Erdschichten bestimmt.
00:01:43: Aktuell befinden wir uns offiziell noch im Holozän.
00:01:46: Die große Frage ist also, hinterlassen wir Menschen so viele Spuren in den Erdschichten, dass wir ein neues Erdzeitalter ausgelöst haben?
00:01:54: Wie kann man das belegen?
00:01:55: Und was bedeutet das eigentlich für die Umwelt?
00:01:57: Das schauen wir uns heute an.
00:01:59: In unserer letzten Folge haben wir euch die prähistorische Archäologin Barbara Horejs vorgestellt.
00:02:04: Heute erzählt sie uns, wann Menschen begonnen haben, die Umwelt zu prägen.
00:02:10: Was wir aus der Archäologie sagen können, ist, dass der Einfluss des Menschen auf seine Umwelt aus meiner Sicht mit dem Holozän begonnen hat.
00:02:20: Also das bedeutet mit der Sesshaftwerdung des Menschen und dem Beginn von Ackerbau und von Kulturpflanzen, der Domestikation der Tiere, all dieses gesamte Paket, das wir unter Neolithikum zusammenfassen, also Jungsteinzeit, all diese Aspekte gemeinsam verändern.
00:02:37: die Landschaft und verändern auch die Umwelt.
00:02:40: In Südwestasien und in Europa, vor ca.
00:02:43: zwölftausend Jahren, vielleicht ein bisschen früher, vierzehntausend Jahren, geht das los.
00:02:49: Also ein starker Umbruch in der Beziehung des Menschen zur Umwelt findet mit der Sesshaftwerdung statt.
00:02:54: Während das Überleben von Jägersammlerkulturen sehr von äußeren Bedingungen geprägt ist, wird das Überleben in sesshaften Kulturen in vielen Aspekten einfacher.
00:03:03: Durch Veränderungen der Umwelt, also zum Beispiel Landwirtschaft und Herdenmanagement, oder auch durch medizinische Fortschritte.
00:03:10: Allerdings, diese Errungenschaften und diese Umbrüche haben global gesehen nicht überall gleichzeitig stattgefunden.
00:03:16: Das heißt, aus dieser archäologischen Sicht ist es auch schwierig einen klaren Startpunkt für das Anthropozän festzumachen.
00:03:24: Und damit befinden wir uns jetzt eigentlich auch schon mitten in der wissenschaftlichen Diskussion rund um den Begriff Anthropozän.
00:03:30: Die Geowissenschaften legen dem Beginn eines neuen Erdzeitalters durch Veränderungen in den Erdschichten fest.
00:03:36: So eine Veränderung muss man in einer bestimmten Erdschicht nachweisen können, also zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Erdgeschichte.
00:03:43: Und man muss sie auch global finden können.
00:03:45: Dafür reicht die Sesshaftwerdung nicht aus, weil sie die Erdschichten nicht ausschlaggebend verändert hat und außerdem eben nicht global gleichzeitig stattgefunden hat.
00:03:54: Offiziell befinden wir uns seit fast zwölftausend Jahren im Holozän.
00:03:58: Dieser Begriff kommt aus dem Griechischen und setzt sich zusammen aus den Worten ganz und neu.
00:04:03: Der Beginn des Holozäns überlappt sich zurzeitlich mit der Sasshaftwerdung des Menschen, aber das, was ganz neu war und was man in den Erdschichten des Holozäns nachweisen kann, ist das Ende der letzten Eiszeit, also ein Temperaturanstieg.
00:04:17: Und als Klimajournalistin möchte ich kurz hinzufügen, ja, es gab immer Temperaturschwankungen auf der Erde und klimatische Veränderung ist etwas Natürliches.
00:04:26: Allerdings ist das Ausmaß, das wir heute sehen, nicht vergleichbar mit den Veränderungen in den letzten Jahrtausenden.
00:04:32: Es ist wissenschaftlich ganz klar, dass die extremen Temperaturanstiege, die wir aktuell erleben, Menschen gemacht sind.
00:04:38: Aber das mal nur am Rande.
00:04:42: Also zurück zur Frage, ob wir ein neues Erzeitalter ausrufen sollten oder müssten.
00:04:46: Um dieser Frage nachzugehen, habe ich den Geowissenschaftler Michael Wagreich am Kalsplatz in Wien getroffen.
00:04:52: Als Wienerin war ich natürlich schon oft hier.
00:04:54: Mit Blick auf die Karlskirche kann man hier super eine laue Sommernacht verbringen oder natürlich den ganzen Touristinnen zuschauen.
00:05:01: Michael Wagreich hat mir aber, wie das mit einem Geowissenschaftler so ist, noch mal einen ganzen neuen Blick auf den Karlsplatz gezeigt.
00:05:08: Die Welt hat er einfach vor elf tausend siehundert Jahren im Holozän ganz anders ausgeschaut.
00:05:15: Also wenn ich mir hier den Karlsplatz vorstelle, da ist damals der Wienfluss, ein relativ wilder Fluss, durchgeflossen und hat sich dann mit der Donau vereinigt, die auch ein enormer wilder Fluss war.
00:05:32: Siedlungen hat es wahrscheinlich noch keine gegeben zu der Zeit.
00:05:38: Spuren davon findet man direkt unter dem heutigen Eingang des renovierten Wien Museums.
00:05:42: Hier hat Wagreich während der Baustelle nach Belegen für das Anthropozän gesucht.
00:05:47: Also meine Meinung zunächst war, dass das Anthropozän die menschliche Tätigkeit sehr früh eigentlich beginnt, die Erdoberfläche zu verändern.
00:05:56: Da ist auch kein Zweifel, es gibt frühen Bergbau, es gibt Terrassenanbau, es gibt frühe Landwirtschaft.
00:06:05: Zehntausend, achttausend Jahren könnte man das Anthropozän auch beginnen lassen.
00:06:11: Und das ist auch die Ansicht einiger Geowissenschaftlerinnen.
00:06:16: Während der Untersuchungen ist aber ganz klar herausgetreten, dass nach dem Zweiten Weltkrieg der Mensch wirklich dominierend wird, global gesehen.
00:06:28: Was hat Wagreich denn gefunden, dass es für ihn so klar macht?
00:06:32: Er hat ja im Karlsplatz nach Markern, also messbaren Indikatoren, gesucht, die einen globalen Einfluss der Menschheit in den Erdschichten belegen.
00:06:40: Die ersten Ergebnisse, die spannend sind, dass wir hier den Marker für den Atombommentest Fallout gefunden haben.
00:06:53: Das weist darauf hin, dass während der Fünfziger-Jahre bis 1963 Atombommentests, Wasserstoffbommentests, weil die setzen sehr viel Plutonium frei, stattgefunden haben.
00:07:08: Atmosphärische an der Atmosphäre von Amerikanern, von Russen.
00:07:14: Und das hat sich global verteilt.
00:07:17: Und für uns in der Geologie ist das ein... Das ist eigentlich das erste wirklich globale Signal, das auf dem ganzen Planeten verbreitet ist durch diesen weltweiten Fallout von den atmosphärischen Atombombentests.
00:07:46: Man kann den radioaktiven Staub von Atomwaffentests wirklich auf der ganzen Welt finden?
00:07:50: Genau, und diese winzigen Mengen am Plutonium sind als Marker eben wirklich global zum gleichen Zeitpunkt in den Erdschichten nachweisbar.
00:07:58: Na oarg, das waren ja nur ein paar Länder, und deren Aktionen haben weltweit einen Einfluss.
00:08:02: Das ist schon eine Schieflage, oder?
00:08:04: Es geht halt in der Geowissenschaft darum, was global nachweisbar ist.
00:08:08: Das heißt aber natürlich nicht, dass es auch global verursacht wurde.
00:08:11: Das ist ähnlich wie bei der Klimakrise.
00:08:14: Es sind vor allem einige wenige reiche Länder, die die Umwelt am stärksten verschmutzen.
00:08:19: Und das ist auch bei den Markern für das Anthropozän so.
00:08:21: Im Endeffekt sind diese Marker nämlich auch Belege für unsere Umweltverschmutzung.
00:08:25: Neben Plutonium könnten zum Beispiel auch Mikroplastik oder Ewigkeitschemikalien als Marker für das Anthropozän genommen werden.
00:08:32: Stolz sollten wir also nicht unbedingt drauf sein, dass wir uns vielleicht im Erdzeitalter des Menschen befinden.
00:08:37: Aber wie entscheidet man jetzt genau, dass ein neues Erdzeitalter beginnt?
00:08:41: Der erste Schritt, um ein neues Erdzeitalter festzulegen, ist eben die Suche nach Markern.
00:08:46: Plutonium ist so ein Marker, weil er seit den Neunzehnten weltweit in den Erdschichten zu finden ist.
00:08:51: Aber der nächste Schritt ist dann erst mal ziemlich viel Bürokratie.
00:08:56: Ja, das ist ein relativ komplizierter Vorgang.
00:08:59: Die Definition und die Formalisierung eines geologischen Zeitalters.
00:09:04: Da gibt es Kommissionen, Subkommissionen, Arbeitsgruppen.
00:09:09: Da gibt es die internationale Vereinigung der Geowissenschaften.
00:09:14: Michael Wagreich war von 2011 bis 2024 Teil einer solchen Arbeitsgruppe, die die Argumente für oder gegen ein neues geologisches Zeitalter untersucht hat.
00:09:23: Ja, also wir haben dann mehrmals in dieser Arbeitsgruppe abgestimmt und sind immer auf dieses neunzehnzehn-fünfziger Datum und mit Plutonium gekommen und dieser Vorschlag ist dann an die übergeordnete Kommission gegangen und die haben abgelehnt.
00:09:42: Was?
00:09:42: Wie?
00:09:43: Die haben den Vorschlag abgelehnt?
00:09:45: Du hast mich doch gerade voll davon überzeugt, dass das Plutonium so ein klarer Marker ist.
00:09:50: Ja, ich fand das auch ziemlich arg, ehrlich gesagt.
00:09:53: Auch Michael Wagreich kann im Endeffekt nur vermuten, warum der Vorschlag nicht angenommen wurde.
00:09:58: Warum ist uns nicht hundertprozentig klar, aber die Argumente werden eher nicht wissenschaftlich.
00:10:04: Es ist zu jung, der Mensch ist zu unbedeutend für die Erde.
00:10:09: Aber es gibt halt gewisse Leute, konservative, sehr konservative, sind dann meistens Geologen und keine Geologinnen, die das da in den Kommissionen beherrschen.
00:10:21: Und die sind dann eben dagegen gewesen.
00:10:26: Aber ist das nicht ein fatales Zeichen, wenn damit der Einfluss des Menschen auf die Umwelt nicht anerkannt wird?
00:10:31: Absolut.
00:10:32: So hat mir das auch Michael Wagreich erzählt.
00:10:35: Ich denke, für die Geologie ist es jetzt nicht so wichtig.
00:10:39: Aber insgesamt spielt das den Klimawandel Leugnern in die Hände.
00:10:46: Wenn man sagt, okay, nicht einmal die Geologen, der kennen das an, also der Mensch ist eh unwichtig und wir machen weiter wie bisher.
00:10:54: Also wirklich ein sehr fatales Zeichen, wie du sagst, Thomas, weil wir können auf keinen Fall so weitermachen wie bisher, wenn wir einen lebenswerten Planeten erhalten wollen.
00:11:04: Bis jetzt haben wir hauptsächlich darüber gesprochen, dass wir Menschen einen großen oder sogar nominanten Einfluss auf die Umwelt haben.
00:11:11: Aber wir haben noch nicht genau besprochen, welchen Schaden das in der Umwelt und bei uns selbst anrichtet.
00:11:16: Dazu habe ich Thilo Hofmann interviewt.
00:11:18: Er ist Umweltwissenschaftler an der Universität Wien und Co-Direktor des dortigen Forschungsverbunds Umwelt und Klima.
00:11:25: Als erstes habe ich ihn gefragt, wie er zum Begriff Anthropozän steht.
00:11:29: Er spielt in meiner Forschung überhaupt gar keine Rolle dieser Begriff, sondern wurde am Anfang so ein bisschen mit so belächelt aufgenommen.
00:11:36: Wow, okay.
00:11:37: Also, während die Geowissenschaft noch immer nicht so weit ist, das Anthropozän anzuerkennen, ist die Umweltwissenschaft so, wieso diskutiert sie überhaupt noch darüber?
00:11:45: Das ist doch eh schon längst klar.
00:11:47: Aber gut, in der Umweltwissenschaft stellen sich vielleicht auch andere Fragen als in der Geowissenschaft.
00:11:51: Woran forscht er denn genau?
00:11:53: Er beschäftigt sich mit Umweltschadstoffen wie Plastik, Chemikalien und Schwermetallen.
00:11:58: Und in diesem Bereich gibt es keine Schwierigkeiten, den menschlichen Einfluss zu belegen.
00:12:01: Im Gegenteil, der Einfluss ist so groß, dass es oft schwierig ist, Orte ohne Umweltschadstoffe zu finden.
00:12:09: Ich forsche zu Umweltschadstoffen jetzt seit dreißig Jahren.
00:12:13: Wenn ich Studien gemacht habe und dann war immer so, wir brauchen Referenzstandort, nicht kontaminiert.
00:12:17: Es gibt es eigentlich gar nicht mehr auf diesem Planeten.
00:12:19: Es ist nicht da, du wirst auch kein menschliches Lebewesen auf diesem Planeten finden, wo du eine Blut- oder Urinabnahme machst, die ... nicht irgendein Plastikadditiv findet.
00:12:31: Wenn du jetzt in die Amazonas reingehst und du die Population treffen, die gar keinen Kontakt hat, würdest du es trotzdem finden über den Niederschlag.
00:12:37: Und das ist schon groß.
00:12:40: Ich finde das eigentlich richtig schlimm.
00:12:41: Also Menschen, die nie in Berührung mit Plastik waren, haben trotzdem Plastik in ihrem Körper, weil es mittlerweile einfach überall ist.
00:12:49: Hat das eigentlich niemand versucht zu verhindern?
00:12:52: Also da müssen wir ein bisschen ausholen.
00:12:54: Weil das finde ich tatsächlich eine superspannende Frage.
00:12:58: Der ist überhaupt dafür zuständig.
00:12:59: Klarerweise Unternehmen, die diese Stoffe für unterschiedlichste Zwecke herstellen.
00:13:04: Von Medikamenten, Überkleidung bis zu Pestiziden.
00:13:07: Aber die können ja nicht einfach machen, was sie wollen.
00:13:09: Und das bringt uns zum Thema Zulassungen.
00:13:11: Jedes Land und auch die EU hat da eine eigene Behörde dafür.
00:13:14: Die schauen sich an, wie giftig Stoffe sind.
00:13:16: Also deren Toxizität, bevor sie auf den Markt kommen.
00:13:19: Wie es so weit kommen konnte, dass Plastik und andere schädliche Stoffe in der Umwelt so weit verbreitet sind, hat Thilo Hofmann so erklärt.
00:13:26: Wenn man guckt, ob etwas zugelassen wird, geht es um Toxizitätsdaten.
00:13:31: Und es war auch lange Zeit relativ, je solange wir noch wenige Stoffe hatten, sagen wir mal, hundert, zweihundert, fünfhundert.
00:13:41: Was wir aber in den letzten zehn Jahren, das ist relativ neu, letzten zehn, letzten fünf Jahren gemerkt haben ist, dass du mit der Toxizität alleine nicht weiter kommst, weil du hinkst immer fürchterlich hinterher.
00:13:55: Stoffe, jetzt nehmen wir diese Ewigkeitschemikalien, die wurden gesagt, die sind eigentlich nicht toxisch.
00:14:00: Also eigentlich sind die relativ wenig belastend.
00:14:04: Und dann stellt man bei vielen Substanzen erst so zehn, zwanzig Jahre später fest, das Zeug ist doch gefährlich.
00:14:12: Und dann senkst du den Grenzwert.
00:14:15: Und das sieht man jetzt bei diesen Ewigkeitschemikalien bei PFAS.
00:14:19: Diese PFAS sind Per- und Polyfluorite-Alkülverbindungen.
00:14:22: Also chemische Verbindungen, die in Verpackungen, Kleidung und Kosmetik eingesetzt werden.
00:14:28: Die sind so langlebig, dass sie oft noch gar nicht wissen, wie lange sie bestehen bleiben.
00:14:32: Ob vielleicht sogar tausend oder zehntausend Jahre.
00:14:35: Außerdem wissen wir nicht wirklich, wie schädlich diese Stoffe auf Dauer für uns Menschen und die Umwelt sind.
00:14:40: Also trotz der Zulassungsverfahren, wissen wir eigentlich nicht genug über diese Stoffe, um sicher sagen zu können, dass sie nicht toxisch sind?
00:14:47: Richtig.
00:14:48: Das ist nämlich gar nicht so einfach festzustellen.
00:14:50: Die Grenzwerte für verschiedene Stoffe ändern sich auch immer wieder durch neue Erkenntnisse.
00:14:54: Hofmann hat mir ein Beispiel der EU-Lebensmittelbehörde EFSA gebracht, die die sicheren Grenzwerte von einigen Ewikants Chemikalien nun gesenkt hat.
00:15:02: Die EFSA, die Lebensmittelbehörde, sagt, du darfst vier Nanogramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Woche aufnehmen, ja, das wäre sicher.
00:15:12: Und dann vergleichst du das jetzt mit dem Niederschlagswasser in Dänemark an der Küste oder wenn du da so am Meer spazieren gehst und merkst.
00:15:19: Oh, ist aber blöd, der Niederschlag hat ja schon mehr.
00:15:22: Das ist aber jetzt doof, jetzt können wir das Regenwasser gar nicht mehr trinken, da können wir dann das Grundwasser noch trinken.
00:15:26: Und jetzt sagt die EPA letztes Jahr von zwei dieser Stoffe, PFOS und PFOA, da gibt es ja überhaupt gar keinen sicheren Grenzwert mehr.
00:15:36: Es gibt keine Konzentration, wo wir sagen können, dass sie sicher ist.
00:15:40: Die EPA ist die US-Umweltbehörde.
00:15:44: Es befinden sich also Ewigkeitschemikalien schon längst im Umlauf, bei denen wir erst im Nachhinein herausfinden, dass sie ziemlich gesundheitsschädlich sind.
00:15:51: Diese ganzen Stoffe zu regulieren wird auch immer schwieriger, vor allem weil der einen Anzahl enorm zugenommen hat.
00:15:57: Und dann merkt man, diese PFAS-Gruppe sind nicht zwanzig, das sind jetzt nicht hundert, das sind jetzt nicht fünfhundert, dann waren es mal tausend, jetzt sind wir bei zehntausend, jetzt haben sie sechzehntausend gesagt.
00:16:08: Also man schätzt so, dass wir zwischen sechzehntausend und eine Million verschiedene PFAS-Verbindungen haben.
00:16:14: Du kannst da fünf Verbindungen testen, aber du kannst ja nicht zehntausend testen, nicht sechzehntausend, nicht eine Million.
00:16:19: Wir haben dreihunderttausend Chemikalien auf dem Markt, die vermarktet werden, ja, derzeit.
00:16:26: Vom großen Teil wissen wir genau gar nichts, weil die Betriebsgeheimnisse sind.
00:16:30: Da würde ich sagen, im Moment findet ein tiefgehendes Umdenken statt.
00:16:34: Die Toxtestung kann nicht ausreichen.
00:16:37: Das kann nicht sein, wir brauchen was anderes und dieses andere ist persistent.
00:16:41: Also statt nur einer Toxtestung, wo getestet wird, wie schädlich an Stoff ist, könnte die Zulassung auch damit verknüpft werden, wie persistent, also wie langlebig an Stoff ist.
00:16:51: Genau.
00:16:52: Laut Hoffmann sollten wir so langlebige Stoffe gar nicht des zulassen.
00:16:56: Persistente Stoffe, die wir Menschen herstellen, gehören nicht in die Umwelt.
00:17:01: Ja, weil wir stellen die Folgen ja immer erst, zwanzig, dreißig, vierzig Jahre später fest.
00:17:04: Und dann ist es zu spät.
00:17:05: Entweder kannst du sie einsammeln oder du baust was, was Bioabhabe heißt.
00:17:09: Und da brauchen wir ein grundlegendes Umdenken.
00:17:14: Okay, ich versuch mich mal an einer kurzen Zusammenfassung, ob ich alles richtig verstanden hab.
00:17:19: Wir haben in den letzten Jahrzehnten Ewigkeitschemikalien in Umlauf gebracht, wo wir jetzt draufkommen, dass die oft giftiger sind, als ursprünglich gedacht.
00:17:26: Diese Ewigkeitschemikalien bleiben aber vermutlich noch Jahrhunderte bis Jahrtausende in unserer Umwelt, wie der Name auch sagt.
00:17:33: Und deshalb fordert Hofmann, dass man solche Ewigkeitschemikalien erst gar nicht in Umlauf bringt.
00:17:39: Klingt ziemlich vernünftig, aber auch nicht gerade noch einer einfachen Aufgabe, oder?
00:17:43: Das ist auf keinen Fall einfach.
00:17:45: Die toxologischen Testungen sind ja schon fast unmöglich geworden wegen der schieren Anzahl der Stoffe.
00:17:51: Ich weiß also nicht, wie viel leichter es wäre, die alle auf Persistenz zu testen.
00:17:56: Und dann kommt noch was hinzu.
00:17:57: Diese Chemikalien existieren ja nicht in einem Vakuum.
00:18:00: In der Umwelt interagieren sie mit Mikroben, Tieren, Pflanzen und sie können sich anreichern und mit anderen Stoffen chemisch reagieren.
00:18:08: Das ist ein enorm komplexes Netzwerk an Interaktionen, das die Forschung noch bei weitem nicht ganz versteht.
00:18:13: Du multiplizierst dann eigentlich Unbekanntes mit Unbekannten, also Unwissen mit Unwissen, und das macht es in der Grundlagenforschung so spannend.
00:18:20: Es sind immer einfach nicht simple Zusammenhänge, eins plus eins ist zwei, sondern eins plus eins kann acht oder zwanzig machen oder auch ein hundert in der Gefährlichkeit und in der Wirkung.
00:18:30: Mit diesem Zusammenspiel von Chemikalien und Umwelt beschäftigt sich Hoffmann in seiner Forschung.
00:18:35: Er ist Teil des Class of Excellence, Microbiomes Drive Planetary Health, einem Forschungsverbund des FWF.
00:18:41: Dort arbeiten dutzende Wissenschaftlerinnen zusammen.
00:18:44: Sie erforschen das Mikrobiom, also Mikroben in der Umwelt und in uns Menschen.
00:18:49: Und ich habe jetzt dann Workpackage in diesem Cluster of Excellence sieben vom FWF, wo wir gucken, wie wirkt ein Umweltschadstoff auf das menschliche Mikrobiom und wie wirken wir auch auf ein Umweltmikrobiom.
00:19:01: Also wir versuchen wirklich zu verstehen, wie tun jetzt solche komplexen Schadstoffgemische dann auf einen so komplexes Mikrobiomwerk und das verändern.
00:19:13: Da hast du jetzt natürlich auch eine super Rutsche für die Überleitung zur nächsten Folge gelegt, aber bevor wir in die Welt der Mikroben abtauchen, lass uns doch noch mal kurz zusammenfassen, was wir nach der heutigen Folge über das Anthropozän wissen.
00:19:26: Wir wollten ja wissen, hinterlassen wir Menschen so viele Spuren in den Erdschichten, dass wir ein neues Erdzeitalter ausgelöst haben.
00:19:33: Wie kann man das belegen und was bedeutet das eigentlich für die Umwelt?
00:19:36: In dieser Folge haben wir erfahren, dass wir Menschen eigentlich schon seit der Sesshaftwerdung vor über zehntausend Jahren unsere Umwelt sichtbar prägen.
00:19:43: Für ein neues Erdzeitalter braucht es aber einen globalen Marker in den Erdschichten.
00:19:48: Das Plutonium aus den Kernwaffen-Tests der Neunzehn-Fünfziger könnte ein Beleg für das Anthropozän sein, aber noch herrscht in der Geowissenschaft keine Einigkeit darüber.
00:19:57: Unseren Einfluss auf die Umwelt beschäftigt aber natürlich auch Umweltwissenschaftler wie Thilo Hofmann.
00:20:02: Und für die ist ganz klar, wir haben nicht nur einen großen, sondern auch einen ziemlich schädlichen Einfluss auf die Umwelt.
00:20:07: Anthropozän hin oder her.
00:20:10: Ein ziemlich weiter Bogen, den wir in dieser Folge gespannt haben.
00:20:13: und der geht eigentlich in der nächsten Folge sogar noch weiter.
00:20:16: Da geht es nämlich um unsere Umwelt.
00:20:18: Aber wir drehen den Spieß um und schauen uns an, wer eigentlich auf uns Einfluss nimmt.
00:20:22: Spoiler, die Hälfte der Zellen im menschlichen Körper sind eigentlich Mikroben.
00:20:27: Mehr dazu dann in zwei Wochen.
00:20:28: Wir freuen uns, wenn ihr liebe Zuhörerinnen wieder dabei seid bei der nächsten Folge von Was wir wissen.
00:20:34: Und wenn ihr nicht so lange warten wollt, könnt ihr in der Zwischenzeit weitere Geschichten aus der Grundlagenforschung im scilog-Magazin des FWF nachlesen.
00:20:41: Das findet ihr unter scilog.fwf.ac.at, den Link dazu gibt es auch in den Shownotes.
00:20:48: Und falls ihr Feedback oder Fragen habt, wir freuen uns, wenn ihr euch unter podcast@fwf.ac.at meldet.
00:20:54: Und noch mehr freuen wir uns, wenn ihr uns eine Bewertung hinterlasst und diesen Podcast mit anderen teilt.
00:20:59: Bis in zwei Wochen.
00:21:00: Ciao Baba.
00:21:01: Ciao.
00:21:04: Das war Was wir wissen.
00:21:06: Ein Podcast des österreichischen Wissenschafts vor FWF.
00:21:09: Redaktion und Produktion in redaktioneller Unabhängigkeit Francesca Grandolfo und Thomas Zauner.
00:21:15: Redaktionelle und technische Unterstützung sisigrant.
00:21:18: Musik Kasper Arens. Visuelle Gestaltung HammerAlbrecht.
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